Musik muss man fühlen. Genau im Moment tue ich das. Ich habe die Augen geschlossen und lasse mich vom Beat treiben. Der Bass dröhnt so sehr in den Ohren, dass ich mein Trommelfell in den Nasenflügeln spüren kann.
Seitdem das Konzert in der Muffathalle nahtlos in die After-Show-Party übergegangen war, hat sich der Club schon etwas geleert. Temperatur und Luftfeuchtigkeit scheinen aber noch zu sehr in Partystimmung zu sein, um frühzeitig das Feld räumen zu wollen. Die Hitze lässt den unverwechselbaren Geruch aus Bier, Schweiß und Rauch in meine Nase aufsteigen. Und ich genieße es unter entspannten Leuten zu sein, die wie ich jeden Ton in sich aufsaugen. Ich fühle mich lebendig. Ich bin glücklich und zufrieden. Die Musik trägt mich wie eine Welle der Euphorie.
Einige Sekunden vergehen, in denen ich versuche den Augenblick für immer festzuhalten. Als ich ihn fast greifen kann, reist mich ein zarter Windstoß aus meinem meditativen Zustand.
Bier, Schweiß und Rauch werden plötzlich übertüncht von einem blumigen Duft der meine Geruchsrezeptoren mit einer lieblichen frische belegt. In mir keimt das Gefühl der unbeschwerten Stunden auf, die ich jeden Sommer im Englischen Garten erlebe. Ich vergesse den Lärm um mich herum und tauche ein in das kühle Nass des Eisbachs. Ich breite die Arme aus und lasse mich mit der Strömung treiben. Oben ziehen Baumwipfel an mir vorbei. Unten höre ich das Rauschen des Wassers, dessen Kälte mein Körper mit innerer Hitze entgegenwirkt. Mit jedem Atemzug nehme ich eine weitere Brise des wundervollen Duftes auf. Ein vollkommenes Gefühl entsteht und ich öffne meine Augen.
Es dauert einen kurzen Moment, bis sich das verschwommene Gewirr aus Licht und Bewegung vor mir zu einem scharfen Bild formiert. Dann entdecke ich sie. Mit einer unnachahmlichen Leichtigkeit bewegt sie sich über die Tanzfläche. Ihr schlanker Hals ist mit einem roten Seidentuch umwickelt, welches mit jeder Bewegung einen Hauch von Sommer in den Raum absondert. Ihre leicht transpirierende Haut scheint die Quelle des Riechstoffes zu sein, dem ich mich von Beat zu Beat annähere. Ich stelle mich dieser Anziehung widerstandslos. Ich denke nicht mal darüber nach. Meine Gedanken sind völlig lahm gelegt, mein Bewusstsein nur noch auf diese Person fixiert. Die Musik treibt mich immer weiter zu ihr hin. Ich sehe mehrere räudige Köter um sie herumtanzen. Alle sind zu aufdringlich, zu testeronisiert. Es hagelt serienweise Abfuhren. Mein positiver Eindruck verstärkt sich.
Ich stehe jetzt vor ihr, inspiziere ihre Bewegungen, ihr Gesicht und ihren Körper. Ihr anziehender Duft verführt mich fast dazu, dieselben Fehler wie meine Vorgänger zu begehen. Aber ich beherrsche mich. Sie registriert meine Anwesenheit. Zum ersten Mal treffen ihre wunderschönen grünen Augen auf mich. Die Fassade meiner vorgespielten Coolness beginnt zu bröckeln. Ich bin verzaubert, in ihren Bann gezogen und fühle mich wie der größte Vollidiot. Es vergehen Sekunden in denen ich versuche mich wieder zu fangen. Ganz ruhig Junge, entspann dich. Ich atme einmal tief ein und aus. Doch der erwünschte Effekt setzt nicht ein. Ich bleibe weiterhin elektrisiert. Sie steht nur wenige Zentimeter entfernt. Ich spüre mein Herz so stark pochen, dass es fast schmerzt. Als sich unsere Blicke dann für einen kurzen Augenblick treffen, gleicht das Gefühl in meinem Brustkorb einer nuklearen Explosion. Die Detonation schiebt mich zu ihr. Unsere Körper berühren sich. Wahnsinn! Der Verstand setzt nun komplett aus. Sie dreht sich mit dem Rücken zu mir. Instinktiv lege ich meinen Arm um ihre schlanke Taille und versuche mich im selben Rhythmus wie sie zu bewegen. Zart schmiegen wir uns aneinander. Meine anfängliche Angst vor einer Abfuhr löst sich in Wohlgefallen auf, sie wirkt nicht abgeneigt.
Die Musik ist mir mittlerweile egal, die ganze Hektik um mich herum fängt an mich zu nerven. Ich mache mich frei von diesem Ballast und bin nur noch auf das Mädchen in meinen Armen fixiert. Wieder dreht sie sich. Ich schaue ihr tief in die Augen, aber nur für einen Sekundenbruchteil, da sie meinem Blick sofort ausweicht und den Kopf gen Boden neigt. Begleitet wird diese Bewegung von einem schüchternen Lächeln, dessen Deutung mich total überfordert. Sie wirkt nun so anders, so unentschlossen und unsicher, was mich noch mehr aus der Ruhe kommen lässt. In mir drängt sich der Wunsch auf, sie zu küssen. Ich lasse es aber sein
. Falscher Ort, falscher Moment.
Einige Minuten vergehen, in denen wir fast regungslos zusammen auf der Tanzfläche stehen. Dann reist uns ihre Freundin aus unserer Trance. Sie müssten jetzt gehen, die letzte Tram würde gleich fahren. Mit einem etwas enttäuschten Gesichtsausdruck löst sich die Unbekannte in meinen Armen aus meiner Umklammerung. »Schade, aber ich muss jetzt los.«, sind die ersten Worte, die ich von ihr sagen höre. Ja, wirklich schade. Ich frage sie noch schnell nach ihrem Namen, doch sie dreht mir mit einem freundlichen »Tschüs!« den Rücken zu und begibt sich Richtung Ausgang. Völlig perplex bleibe ich alleine in der Menge zurück. Ob ich sie wieder sehen werde, weiß ich nicht. Aber ich werde sie fühlen. Schon bald. Im nächsten Sommer.